Wie bereits vor einiger Zeit erwähnt, hat die DC-Comic-Schmiede nach der letzten Crisis ihr Universum umgebaut. Um möglichst vielen Leuten den Einstieg in diese neue Welt zu ermöglichen, bedienten sie sich eines Tricks: Sie sprangen einfach ein Jahr in die Zukunft und stellten somit alte und neue Leser vor die gleiche Ausgangssituation: einer neuen DC-Welt mit teils unbekannten Charakteren und Verhältnissen. So hatte jeder etwas davon.
Das „verlorene Jahr“ sollte natürlich nicht verloren bleiben. In der Serie „52“ wagte DC eine wöchentliche Serie (Serien erscheinen sonst monatlich), die genau dieses fehlende Jahr beleuchtete. Pro Woche – und das 52 Wochen lang – wurden sogar die einzelnen Tage aufgeführt. So erlebte man innerhalb eines Jahres ein Comic-Jahr.
Paninicomics brachte die in den USA schon längst abgeschlossene Serie in sechs Sonderbänden heraus. Letzte Woche ist dann hier auch der sechste Band erschienen, das Jahr ist um. Und was für ein Jahr!
Nach der Crisis verschwanden die Drei Großen: Batman ging auf Selbstfindungsreise mit seinen Schützlingen, Superman hatte im finalen Kampf gegen Superboy Prime seine Kräfte verloren und Wonder Woman, deren Heimat Themyscira verschwand und die während der Crisis vor laufenden Kameras einen Mann getötet hatte, tauchte unter, versuchte eine neue Identität aufzubauen.
Booster Gold
Wer kümmerte sich in der Zwischenzeit um die Belange der Welt? Helden aus der zweiten Reihe. In Metropolis, der Heimatstadt von Superman, machte sich Booster Gold einen Namen. Booster kam mit einigen geklauten Technik-Gimmicks aus der Zukunft und verkaufte hauptsächlich seinen Namen. Ein Superheld als Werbeträger. Booster ging es nur um Ruhm und Geld. Mit der Hilfe seines fliegenden Miniroboters Skeets, der alle Daten unserer Zukunft, seiner Vergangenheit, parat hielt, konnte Booster immer zur richtigen Zeit am richtigen Ort sein. Doch irgendwas lief schief. Skeets hatte eine Fehlfunktion. Seine Voraussagen stimmten nicht mehr. Booster fiel später in Ungnade. Seinen Platz nahm der mysteriöse Supernova ein. Die wahre Identität von Supernova wird erst sehr spät enthüllt.
Steel
Dann haben wir noch John Henry Irons, der nach dem Tod von Superman in den 90ern, als Held namens Steel die Stadt von Morgen, Metropolis, schützte. Steel war auch jetzt wieder gefragt. Irons hatte Probleme mit seiner Nichte, die wie ihr Onkel eine Heldin sein wollte, dafür aber noch einige Lektionen zu lernen hatte, die sich nicht lernen wollte. Sie nahm den Umweg über Supermans Gegner Lex Luthor. Der hatte eine Möglichkeit gefunden, das „Superhelden-Gen“ in den Menschen zu aktivieren. Das ließ er sich selbstredend gut bezahlen und er konnte Gott spielen, sagen wer welche Kräfte bekam. Natasha, die Nichte von Irons, bekam die Kräfte umsonst, weil Luthor Irons damit am meisten treffen konnte. Luthor baute sich nebenbei noch eine eigene „Justice League“ auf, u.a. mit Natasha in den Reihen. Später ließ Luthor alle Helden am Neujahrstag einfach vom Himmel fallen. Er konnte das Metagen an-, also auch ausschalten.
Für Luthor waren die von ihm geschaffenen Superhelden nicht nur eine Einnahmequelle und ein Mittel um die Welt später unter seine Kontrolle zu bringen. Er benutzte sie auch zu Forschungszwecken. Sein sehnlichster Wunsch war es nämlich, dass seine Wissenschaftler auch bei ihm das Metagen anknipsen sollten. Luthor wollte seinem verschollenen Erzfeind Superman ebenbürtig werden. Doch aus einem erst später enthüllten Grund, ging das lange Zeit nicht. Schließlich bekam er doch Kräfte und kämpfte eine erbitterte Schlacht gegen Steel und Natasha.
„The Question“ und Renee Montoya
Ebenfalls ins Rampenlicht der Comicleser wurde die ziemlich in Vergessenheit geratene Figur „The Question“ gerückt. Dieser mysteriöse Mann suchte die Ex-Polizistin Renee Montoya auf, die ihren Partner im Einsatz verloren hatte und nun dem Suff anheimgefallen war. „The Question“ gab ihr den Auftrag ein bestimmtes Warenhaus in einer düsteren Ecke Gothams zu beobachten und stellte sie immer wieder auf die Probe. Nach anfänglichem Gezicke von Renee nahm die Neugierde bei ihr Überhand und sie freundete sich sogar mit dem Mann ohne Gesicht an. Dieser lag aber im Sterben und suchte eine würdige Nachfolgerin. Vorher gingen beide noch auf die Jagd nach Intergang.
Black Adam
Ein weiterer bisher eher kümmerlich behandelter Charakter war Black Adam. Er hatte die Macht von sechs ägyptischen Göttern, war der „Feind“ von Captain Marvel und stets übel drauf. Er war der Herrscher von Kahndaq und verteidigte dieses Land vehement. Superschurken sollten keinen Nährboden mehr finden. Um seine Abneigung gegen diese zu demonstrieren zerriss er vor laufenden Kameras einen Schurken in zwei Teile und verschwand, um eine internationale Metahuman-Koalition der verschiedensten Länder zu gruppieren, die alle gegen die Superhelden der USA stehen sollten.
Die Kriminellen-Organisation Intergang, die wegen der Abwesenheit der Großen Drei die Chance zur Expansion witterte, wollte Black Adam für ihre Zwecke einspannen und schenkte ihm u.a. die schönste Jungfrau Ägyptens. Adrianna Tomaz schaffte es durch ihren Eigensinn und ihren Trotz, die Liebe von Black Adam zu gewinnen. Er übertrug ihr einen Teil seiner göttlichen Kraft und sie wurde zur Heldin Isis, die die Natur beherrschte.
Doch Isis war nicht 100%ig froh. Ihr Bruder Amon war entführt und als Kindersklave irgendwohin verkauft worden. Black Adam und Isis suchten ihn, fanden den Jungen von Intergang zum Krüppel geschlagen, halbtot vor. Adam übertrug auch ihm einen Teil seiner Kraft und der jugendliche Held Osiris wurde geboren. Die Black Adam-Familie herrschte mit Güte über Kahndaq und wollte Gutes in die Welt bringen.
Im Weltall
In den letzten Sekunden der Crisis gab es eine gewaltige Explosion. Helden, die im Zentrum des Geschehens irgendwo im All waren, litten darunter. Einige starben, ein Großteil entkam und einige nutzten eine Art Fern-Teleportation, den Zetastrahl vom Planeten Rann, um aus dem Krisengebiet zu gelangen. Diese Helden kamen aber nicht auf Rann an, sondern waren im All verschollen.
Eine Gruppe kam entstellt später zur Erde zurück. Drei aber fanden sich auf einem paradiesischen Planeten wieder. Der Weltraumabenteurer Adam Strange (eine echt alte Figur aus den späten 50ern), der bei der Explosion sein Augenlicht verlor, war zusammen mit der tamarianischen Prinzessin Koriand’r, besser bekannt als Starfire, und dem B-Reihenheld Animal Man auf diesem Planeten gelandet. Adam versuchte blind ein Raumschiff zusammenzubauen, um von dem Planeten zu fliehen. Denn auf diesem waren sie nicht allein…
Schließlich konnten sie fliehen und mit Hilfe vom Oberfrägger Lobo, der zur Kirche des dreifaltigen Fischgotts konvertiert war und – entgegen seiner sonstigen Vorgehensweise – niemanden mehr mal eben abschlachten durfte, war es der Truppe sogar möglich, einer neuen kosmischen Gefahr (Lady Styx) zu entgehen. Dabei starb Animal Man. Vorübergehend…
Der Helm des Fate
Der Crisis ging bekanntlich die Identity Crisis voraus, bei der Elastoman Ralph Dibny seine Frau verlor. Ralph, der nach Batman der zweitbeste Detektiv der Welt ist, machte sich während 52 auf die Suche nach einer Möglichkeit, seine verstorbene Frau wieder ins Leben zu holen. Was nicht ging. Der „Kult von Conner“, des verstorbenen Superboys, versuchte ihm zu helfen. Etwas ging schief.
Später fand Ralph den Helm des Dr. Fate, der seit der Crisis keinen Träger mehr hatte. Der Helm führte ihn auf eine wundersame Reise durch magische Gefilde. Ich dachte immer, Ralph würde der nächste Dr. Fate werden. Daneben gedacht. Das nahm ein völlig anderes Ende. Der Helm des Fate war eine Falle für Ralph. Doch was ein wahrer Detektiv ist…
Intergang
Die Verbrecherorganisation Intergang machte sich die Machtlücke, die durch die Abwesenheit der Drei Großen entstanden war, zunutze. Weltweit operierte das Syndikat. Mittlerweile war das sogar zu einer Art bösen Religion geworden. Laut deren Bibel sollte z.B. die neue Batwoman getötet werden. Da hatten aber „The Question“ und Renee Montoya noch ein Wort mitzureden…
Intergang war es auch, die alle verrückten Genies auf einer Insel zusammenrief, darunter auch – gegen seinen Willen – Will Magnus, der Schöpfer der Metal Men. Ausgestattet mit allen Mitteln durften sich die verrückten Wissenschaftler austoben und jede Waffe bauen. Das gipfelte in den vier apokalytischen Reitern. Diese waren im Endeffekt auch für den Tod von Isis und Osiris verantwortlich, ebenso für das Leid, das über Kahndaq kam. Black Adam, der sich gerade etwas sympathisch geworden war, drehte durch. Zuerst brachte er drei der Reiter um. Den vierten, Tod, verfolgte er bis in ein kleines Land, das unter der „Obhut“ von Intergang stand und den Reiter versteckte. Black Adam brachte alle Bewohner des Landes um. Mann, Frau, Kind. Am Ende besiegte er Tod.
World War III
In der 50. Woche herrschte der dritte Weltkrieg. Eine US-Ausgabe hat im Schnitt 21 Seiten. Diese reichten nicht aus, um die Schlacht, den Schmerz und Wahnsinn des Black Adam zu illustrieren. DC schob deswegen eine vierteilige Miniserie namens „World War III“ ein. Alle Helden kämpften gegen ihn. Selbst die chinesischen Superhelden (erstmals in 52 eingeführt) lieferten sich mit dem Gottgleichen einen erbitterten Kampf, bis sie die Justice Society um Hilfe baten. Es war Adams langjähriger „Feind“ Captain Marvel, der Black Adam besiegen konnte. Er nahm ihm seine Kräfte mit einem Trick.
In dem Spezial geht es jedoch nicht nur um Black Adam. Der Martian Manhunter, eine feste Größe im DCU, ist nach der Zerschlagung der Justice League untergetaucht. In World War III speilt er eine wichtige Rolle. Er beobachtet zunächst aus sicherer Distanz die Menschen. Eigentlich zweifelt er an ihnen, doch im Laufe der Miniserie wandelt sich der Manhunter – im doppelten Sinne. Sehr interessant zu lesen.
52
Ein weiteres Opfer des Zetastrahls am Ende der Crisis war der Androide Red Tornado. Er landete zerfetzt in Australien. Alles was sein gefundener Kopf sagen konnte, war die Zahl 52. Sowieso wurde diese Zahl immer wieder zwischendurch eingestreut. Was es damit auf sich hat, das enthüllte am Ende der Serie Booster Gold, sein „Rivale“ Supernova und der Zeitforscher Rip Hunter. Eine entscheidende Rolle spielte dabei Booster Golds ehemaliger Freund und Helfer, der kleine fliegende Datenbank-Roboter Skeets, der, wie oben beschrieben, eine Fehlfunktion hatte. Wieso – das wird am Ende von 52 gelüftet.
Im Endeffekt finden sie heraus, dass bei der Crisis nicht, wie gedacht, ein einziges Universum entstanden ist, sondern (erneut) ein Multiversum mit insgesamt 52 Universen, die alle den selben Raum einnehmen, aber auf unterschiedlichen „Frequenzen schwingen“ und unterschiedliche Helden sowie Geschichten haben.
Fazit
Lesen!
Eine große Serie. Nicht nur vom Umfang her. Es ist sehr schön zu sehen, wie Helden aus der zweiten Reihe eine komplette Serie tragen. Ein Held wie Animal Man war lange in Vergessenheit geraten. Und irgendwie klang das auch alles recht lahm: Ein Typ, der die Kräfte der Tiere in seiner Umgebung annehmen kann. Naja. Aber in 52 hatte man die Möglichkeit diesen Mann genauer kennen zulernen. Zumal die Kraft dann irgendwie schon cool ist, wenn nämlich außerirdische Tiere in der Nähe sind.
Gefallen hat mir auch Renee Montoya. Ein psychisch kaputter Charakter, der durch „The Question“ neuen Lebensinhalt findet. Eine Liebesbeziehung wird es nicht – Rene ist lesbisch und somit nicht unbedingt an dem Mann hinter „The Question“ interessiert -, aber es wird eine sehr innige Freundschaft zwischen den Beiden.
Das Menschliche kommt bei 52 übrigens nicht zu kurz. So sehen wir sehr schön den Aufstieg und den tiefen Fall von Black Adam. Einem Mann, der lieben lernte und als man ihm diese Liebe nahm, den dritten Weltkrieg auslöste.
Die Serie führt neue und alte Leser mit frischen Ideen in ein neu geschaffenes DC-Universum. Große Klasse.
Die vollständige Cover-Galerie gibt es bei CBR zu sehen.