Inflation für die Armen

Es war einmal eine wunderschöne Stadt an einem langen Fluss. Die Bewohner dieser Stadt waren aber unzufrieden mit ihren Herrschern und wollten ihnen einen Denkzettel verpassen. Also wählten sie die Alten ab und holten sich eine strahlende Junggesellenfigur und einen rassigen, ehemals gnadenlosen Richter ins Boot. Die sollten es machen. Oh und sie machten es. Eine ganze Menge — für sich. Das Volk hatte ja gewählt… Ätsch. Das mit dem Richter und dem Junggesellen, das lief nicht lange gut, aber man hatte die Presse auf seiner Seite und so konnte man das dumme Volk wieder überrumpeln und nach einer vorgezogenen Wahl stand der Ritter mit wehendem, güldenen Haar alleine auf seinem hohen Ross, oben auf der Burg.

Die neuen Herrscher waren (und sind) sehr profilsüchtig. Sie wollten groooße Leuchttürme und goldene Wege bauen. Dinge, damit sich das gemeine Volk auch noch in hundert Jahren an diese Herrscherkaste erinnern möge. Doch, oh Graus, es fehlte das Geld. Wer teure Architekten und Künstler einkauft, der muss auch Bares hergeben können. Woher nehmen, wenn nicht stehlen? — Sie stahlen es trotzdem…

Alle klugen Köpfe des Herrschers wurden zusammengetrommelt und der güldene Junggeselle verkündete sein Leid: „Ich will hohe Bauten haben, ich will scheinende Plaketten auf diesen Bauten sehen, auf denen mein Name prangt. Tut was! Lasst Euch was einfallen!“ Und die klugen Köpfe machten sich ans Werk.

Ein kluger Mann sagte: „Hey, lasst uns das Geld für unseren Lehnsherren von den Armen nehmen, den sozial Schwachen. Die haben nichts. Nimmt man denen was weg, fällt es denen kaum auf. Und wenn, sind sie viel zu verängstigt, um das Maul aufzumachen.“ Eine prächtige Idee, man gratulierte und setzte die Tat um: Bis Ende 2003 gab es das sog. SozialTicket. Dieses ermöglichte es Sozialhilfeempfängern, für 15,50 € ein Monatsticket zu kaufen, das zu beliebig vielen Fahrten im Großraum Hamburg außerhalb der Hauptverkehrszeiten berechtigte. Das wurde abgeschafft. Um nicht auch nur eine Nacht schlecht zu schlafen, wurde gleich eine Entschuldigung nachgeschoben. „Kauft Euch doch die CC-Karte! Die kosten unwesentlich mehr, nämlich 22,20 € im Abonnement. Die CC-Karte berechtigt Euch, außerhalb der Hauptverkehrszeiten zu beliebig vielen Fahrten innerhalb von drei Tarifzonen.“ Doch die Schwachen muckten auf. Was im Endeffekt aber so was von egal war.

Die Zeit ging ins Land. Die Jahreszeiten wechselten. Die Regierung nicht. Dann kam der Hoheitliche Verkehrsverband, kurz HVV, und erhöhte die Preise. Eine CC-Karte für drei Zonen kostet mittlerweile 26,60 € im Abo.

Die Zeit schritt im Wunderland weiter voran und es stand eine neuerliche Wahl vor der Tür, bei der die Bürger ihren Herrscher neu bestimmen sollten. Da sprach der güldene Junggeselle: „Ich will etwas für das gemeine Volk tun! Das Volk weiß inzwischen, dass es mir herzlich egal ist, was mit der Umwelt passiert. Aber da Wahlen bevorstehen, muss ich eben nicht der ‚König der Umwelt‘, sondern der ‚König der Herzen‘ werden. Ich will zeigen, wie milde und sozial ich manchmal drauf bin. Hiermit soll das SozialTicket für die armen, die verzweifelten 1-Euro-Jobber wieder zur Verfügung stehen!“ Das sagte er und wartet auf Applaus.

Dumm nur, dass das „neue“ SozialTicket 39,80 € kosten soll…

Da bleibt nur noch eine Frage zu stellen: Noch ganz frisch???