Zum Lernen geboren

Es gibt deutliche Unterschiede zwischen den „Generationen“. Damit meine ich noch nicht einmal die Kluft zwischen meinen Großelter — oder meinen Eltern — und den Menschen meines Alters. Der Graben verläuft schon näher an mir heran. Ich bekomme es in der Firma mit, wenn ich von Dingen rede und von meinen acht bis 15 Jahre jüngeren Kollegen angeschaut werde, als wäre ich ihnen direkt vom Mars vor die Füße gefallen.

Wearing My Twitter Shirt Wenn es dort schon signifikante Unterschiede in Kultur und Wissen gibt, dann erst recht hin zu den Heranwachsenden, die noch in der Schule sind. Lehrer wollte ich heutzutage nicht sein.

Es gibt eine amerikanische Vereinigung namens Born to Learn. Die Herrschaften sind der Ansicht, die Menschen sind nicht zum belehrt werden da sind, sondern zum lernen. Anstatt stumpf in den Klassenräumen zu hocken und dem Wesen, das sich an der Tafel abstrampelt zuzuhören, sollten Kinder und Jugendliche andere Wege des Lernens erfahren. Altbekannter und simpler Ansatz: Nicht Frontalunterricht mit Abschreiben, sondern das „Erfahren“ von Wissen, das Spielerische ist es, was uns begreifen und behalten lässt.

Born to Learn hat zu dem Thema ganz nette, simple Videos ins Netz gestellt. Da gibt es ein ins Thema einführende Video:

Neben diesem gibt es u.a. auch ein Video, das ich gerne mag, weil es eine schöne Geschichte erzählt. Die Geschichte eines jungen Mannes, der erst einen Anreiz brauchte, um zu lernen. Einen praktischen Anreiz:

Zu simple?

Das klingt alles schlüssig und ist gut — weil visuell und nicht nur dröge als Text — dargestellt. Die „Weisheit“, dass man Dinge „begreifen“ muss, also auch anfassen können muss, ist nicht sonderlich neu. Hat aber immer noch seine Berechtigung. Dennoch stört etwas, an diesen Videos und den Ansichten von Born to Learn. Es ist eher auf meine Generation zugeschnitten, nicht aber mehr auf die Kinder, die heutzutage in der Schule sitzen.

Wenn ich lese, dass man in Frankreich den Schülern mittels Twitter das Lesen und Schreiben beibringt — a.) weil zeitgemäß und b.) die Kinder ohne Bildschirm vor der Nase eh nicht zuhören —, dann sage ich „Gute Nacht!“. Ein Smartphone hatten die Herrschaften von Born to Learn bestimmt nicht im Sinn gehabt, als sie meinten, man müsse das Lernen mit mehr Spaß und „Sinnlichkeit“ verknüpfen.

Ein weiteres Problem von Realität zu Organisation: Im Video ist es so schön beschrieben, wie der Lehrer mit seinen Schülern spielerisch einen Motor simuliert. Die Kinder haben Spaß und verstehen, wie so ein Antriebsdingens funktioniert. Aber wer kann das mit einer Klassenstärke von bis zu 30 — und seien es auch nur 25 — denn tatsächlich realisieren? Das würde, bekäme man die faulen Hintern der Smartphone-Gören überhaupt noch hoch, dann bestimmt im Chaos enden. Also kleinere Klassen. Mehr Lehrer. Und dann solche Lehrer, die eben nicht nur eintrichtern, sondern beibringen.

Selbst mit kleineren Klassen bliebe die Idee von Born to Learn wohl eher Wunschdenken, müssen doch die Kinder bereits vor der Schule genügen. Sinnesreize und Beobachtungen/ Nachahmungen erlebt haben. Aber wenn man Kindern mit Twitter Lesen und Schreiben beibringen will …

Irgendwie gruselt mir vor der Zukunft. Was nützt es, wenn der Nachwuchs durch die Bank super fit ist, Twitter, Fratzenbuch und Co. zu benutzen, wenn es an Dingen wie Kultur, Mathe, Geschichte, Naturwissenschaften fehlt? Wenn die Kinder der Zukunft nur noch 140-Zeichen-Nachrichten lesen und aufnehmen können, aber nicht mehr ein Buch in die Hand nehmen — wo enden wir dann?