Altonaer Museum – Verkauf hängt vom Stiftungsrat ab

Schild mit der Aufschrift KulturschutzgebietWas nicht passt, wird passend gemacht — ein altbekannter Spruch, der nun auch in Hamburg etabliert wird. Der Widerstand gegen die Sparpläne des Hamburger Senats ist groß, besonders gegen die Einschnitte in Hamburgs Kulturlandschaft. Allen voran die zum Ende 2010 geplante Schließung des Altonaer Museums. Unterschriften werden gesammelt, die Menschen gehen auf die Straße.

Dabei hat man doch so schön im Rathaus gerechnet, wo man Geld einsparen könnte — um seine Leuchtturmprojekte zu pflegen und zu hegen. Hat man wirklich? Wenn man das Altonaer Museum schließen möchte, hat man dann vorher vielleicht auch mal nachgehakt, ob das überhaupt so einfach ist? Eine kleine Anfrage der SPD-Bürgerschaftsabgeordneten Gabi Dobusch ergab, dass zwar großartig geplant war/ist, das Museum zu schließen, aber irgendwie ist es untergegangen, dass man dafür ein Ja des Stiftungsrats benötigt.

Zwar klingt das wie ein kleiner Sieg für die Gegner der Schließung. aber wenn man schaut, wer im Stiftungsrat sitzt, schwindet die Hoffnung schnell. Den Vorsitz hat der Kultursenator. Außerdem sind weitere Kultur- und Finanzbehördenmitarbeiter in dem Rat. Wenn die mal nicht umkippen, bzw. einfach von oben die „dringende Notwendigkeit“ der Schließung eingeimpft bekommen …

Kultursenator Stuth gab zwar am 12.10. im Senatsblatt zu, man hätte besser kommunizieren müssen, an den Plänen hielt er dennoch fest. Die Schließung solle kommen. An den Kürzungen bei den Bücherhallen und beim Schauspielhaus solle ebenfalls nichts gerüttelt werden. Der Mann sitzt in dem Stiftungsrat und soll den Daumen hoch, bzw. runter halten? Die Richtung ist doch eigentlich schon vorgegeben …

Immerhin scheint dem Senat — mal wieder — eine Menge von dem, was um ihn herum passiert, egal zu sein. Noch am 11.10. hieß es im Senatsblatt:

Für die Hamburger CDU scheint das allerdings kein Anlass zur Besorgnis zu sein: Man werde die Projekte schon durchsetzen können, so die verbreitete Meinung – wenn nötig durch Gesetzesänderungen.

Wenn ihr muckt, wenn ihr euch nicht zu unserem eurem Glück zwingen lassen wollt, dann kommen wir eben mit dem Vorschlaghammer und ändern das Gesetz. Dann passt das schon. — Wie eklig sind bitte solche Einstellungen?

Es sind übrigens nicht nur die angepeilten 3,5 Mio, die durch die Schließung (angeblich) im Stadtsäckel blieben. Wenn es geschlossen würde, wären auch plötzlich Exponate im Wert von knapp 200 bis 300 Mio frei. Exponate, die allerdings nach Altona gehören! Und das Gelände könnte man auch wunderbar veräußern. Eine Prachtlage wie diese, würde viel Geld einbringen. Und so schön zum Plan der ständig fortschreitenden Gentrifizierung passen …

Grün ist nicht (mehr) grün

In den Achtzigern sah man sie, die Plakate mit den Blumen drauf, die rote, lachende Sonne dazu. In dem zarten Alter, in dem ich damals war, interessierte ich mich natürlich weiß Gott nicht für Politik und das Weltgeschehen. Da sind andere Dinge wichtiger. Aber diese Plakate, die waren so schön farbenfroh und lustig — das hat ein klein bisschen das Interesse geweckt.

Ich weiß es noch, ich war irgendwo mit Muttern unterwegs, wir kamen an so einem Plakat vorbei und ich fragte, was das denn solle? Als Antwort kam sinngemäß etwas wie: „Das sind die Grünen, eine neue Partei. Die sind gegen Atomkraft, daher die Sonne und sie sind irgendwie seltsam (glaube, das Adjektiv war anders), die sitzen Kinder säugend und strickend im Bundestag herum.“ Das war’s an Informationen. Viel anfangen konnte ich damit nicht.

Im Laufe der Zeit wurde die Wahrnehmung der Grünen bestätigt. Ich kenne noch die Bilder von so einem Typen in Jeans und Turnschuhen — später sollte er Grüner Außenminister und Vizekanzler unter Schröder werden —, der zwischen lauter Anzugträgern stand. Das Bild von Politik war schwarz und nicht nur wegen der Kohl-Ära, sondern einfach, weil man stets dunkle Anzüge sah. Politik wirkte so schon nicht gerade freundlich und interessant. Aber das Bild war gelernt, Politik ist ernst, trocken und konservativ. Da nun diese Pulliträger zu sehen, das war selbst für einen Uninteressierten zumindest spannend.

Zeiten ändern sich

Dieses Bild der Grünen hängt im Kopf fest, nicht nur in meinem. Lange galten die Grünen als „Gegenpartei“, Menschen, die etwas bewegen wollten, der Name der Partei sollte Programm sein. Eine Partei, die sich für die Natur einsetzt. Und — hey — wir leben in dieser Natur, also ist es auch nur gut, dass jemand auf dieser trockenen, kapitalistischen Ebene ein Wort dafür einlegt. Die Grünen waren Stress, Kontra und „das gute Gewissen“.

Das war einmal. Schon lange kann man nicht mehr anhand der Kleidung erkennen, wo die Grünen im Bundestag sitzen. Kein Pulli, der hervorsticht, kein Kind an des Mutters Brust. Diese Grünen sind dahin.

Was wir nun haben, ist eine „ganz normale“ Partei, wie alle anderen. Grün ist nur noch der Name. Gerne rege ich mich darüber auf — denn, wie schon erwähnt, eine Art „grünes Gewissen“ ist durchaus wünschenswert, Stunkmacher, Aufhalter. Die Politik der Grünen ist jedoch im Hier und Jetzt angekommen. Sie sind uniformiert, tragen Anzüge und heulen wie alle anderen mit den Wölfen.

Kohle von BeustEin letztes Aufbäumen gab es noch mit dem legendären, weil mittlerweile zum Hohn verkommenen Wahlplakat „Kohle von Beust“. Damals, vor Schwarz-Grün auf Hamburger Ebene, hieß es, man wolle niemals mit den Schwarzen zusammen arbeiten. Das ginge gar nicht! Doch die „Macht ist eine geile Sau“ und bringt so viel Spaß — vermutlich auch Geld. Also wurde alles über Bord geschmissen, was für Grün stand. Man ging in die Koalition mit dem Kohle-Beust, hörte sich ein wenig zu Moorburg an, protestierte halblaut und gab dann, als das Kohlekraftwerk des Haus- und Hofstromlieferanten Vattenfalls abgenickt wurde, nur zu „Man habe es nicht verhindern können“. Man hätte sich das aber auch vorher denken können … Und man hätte dann zumindest saubere Finger behalten, wäre man die Koalition nicht eingegangen. Doch die Macht, die Macht — sie schmeckt so süß. Das gab uns schon die ehemalige Verbraucherschutzministerin Künast zu verstehen. Man wolle Macht — um jeden Preis, schließlich sei der Machtinstinkt der Grünen groß.

Atomaustieg, Nein Danke

Der Preis, der bezahlt wurde, ist der Verlust der eigenen Geschichte. In dem sehr schön geschrieben ZEIT-Artikel über die Geschichte der Atomenergie in Deutschland und ihre schweren Anfänge, steht ganz am Ende:

Im Herbst des Jahres 2010 ist der Geist hinter den Kühltürmen verschwunden. Jetzt ersetzt ein neuer Atompakt den alten: der Ausstieg aus dem Ausstieg.

Vor zehn Jahren einigten sich die Grünen zusammen mit der SPD — man regierte gemeinsam — auf den Ausstieg aus der Atomwirtschaft. Nun rudert man zurück. Irgendwie. Man ist nicht wirklich gegen eine Laufzeitverlängerung, verteidigt den Ausstieg aber auch nicht wie einst. Bundestagswahlen stehen bevor, da muss man sich mit dem Auge auf die Macht, jedes Türchen offen halten. Schwarz-Grün geht auf Bundesebene nicht, so heißt es, aber das sagte man auch vor Schwarz-Grün in Hamburg. In der Hansestadt forderte die Opposition eine Klage gegen die Laufzeitverlängerungen der Frau Merkel. Die Grünen, „gefangen“ im gemachten, kuscheligen Bett, stimmten indirekt der Verlängerung der AKW-Laufzeiten zu.

Korrektur des Bildes

Wir brauchen eine Politik, die Abmachungen einhält, die nicht vor der Wirtschaft ständig auf die Knie geht und die sich für die Natur einsetzt. Der Name suggeriert eine Verbindung zu Baum, Wiese und frischem Wasser, doch — und das müssen wir lernen — die Grünen sind nicht mehr grün. Wenn das verstanden ist, spart man sich wenigstens ein wenig Magensäure, die man sonst wegen all der enttäuschten Hoffnungen produzieren würde.

Schade ist es dennoch drum. Schade auch, weil dieses Verhalten bei der nächsten Wahl bestimmt nicht abgestraft wird …

Übergriffe bei S21-Demo

Was in Stuttgart passiert ist, ist — milde ausgedrückt — nicht schön. Wenn Menschen, die sich für etwas einsetzen (hier den Nichtbau von S21), dabei von Ordnungshütern verletzt werden, wenn wie geschehen, Kinder und Jugendliche mit Wasserwerfer, Pfefferspray und Schlagstock am Demonstrieren gehindert werden, hört der Spaß auf. In diesem Fall ist keine Ordnung gewahrt worden. Die Situation eskalierte. Beide Fronten beschuldigen sich gegenseitig. Aus der Berichterstattung lässt sich eine Sympathie für die S21-Gegner entwickeln. Immerhin sind sie es auch, die mit Augenverletzungen, gebrochenen Nasen und Prellungen behandelt werden mussten. Am Ende bleiben dann alle den Demonstrationen fern.

Innenminister Rech bricht sich im ZDF-Interview einen ab, so dass man den Eindruck gewinnen kann, alle Mütter auf Demonstrationen würden ihre Kinder instrumentalisieren. Und da dem so ist, dürfte sich niemand wundern, wenn diese dann den Schlagstock oder das Reizgas zu spüren bekommen. Laut Rech soll der Bürger sein Recht auf Demonstration wahrnehmen. Aber bitte leise …

Als ich heute das erste Mal von dem Vorfall las, erinnerte ich mich an Ende 2009. Es war bitter kalt, es schneite wie schon lange nicht mehr in Hamburg. Die Bürger organisierten sich friedlich, fröhlich, um gegen die soziale Kälte des aktuellen Senats und dessen oft größenwahnsinnigen Plänen zu protestieren. Eine Route über die Mönkebergstraße wurde damals verboten — man wollte die Weihnachtseinkäufer nicht verschrecken. Wie schon damals beschrieben, sah ich noch nie sie viel hochgerüstete Ordnungshüter. Auch damals, bei Minusgraden, standen Wasserwerfer friedlichen Demonstranten gegenüber. Schauen wir auf die jüngsten Ereignisse in Baden-Württemberg, können wir nur froh sein, dass seinerzeit bei der „Recht auf Stadt“-Demonstration nichts eskaliert ist.

Steht auf

Die Tatsache, dass heutzutage überhaupt noch Menschen für ihre Meinung auf die Straße gehen, finde ich fantastisch. Das zeigt, dass die Medien die Bürger noch nicht total weichgekocht haben. Nicht alles was in den Zeitungen vorgekaut und auch nicht alles, was im Fernsehen gezeigt wird — Wir wissen alle: Der Fernseher hat immer Recht! — wird einfach hingenommen. Das wäre natürlich für jeden Regierenden ein famoses Fest.

Es zeigt ebenfalls, dass die Bürger mit ihren Politikern unzufrieden sind. Dort wird, wie es scheint, nicht mehr für den Bürger gearbeitet. Das sehen wir hier in Hamburg ständig und vollkommen unverhohlen. Da darf man sich dann auch nicht wundern, wenn die Menschen frustriert sind — woraus ganz leicht Aggression entstehen kann.

In Stuttgart also die Übergriffe der Polizisten, in Hamburg zumindest das Potenzial dafür (von den Ausschreitungen in der Schanze reden wir mal nicht). Ist das die Antwort der Regierenden auf die selbstverschuldete Unzufriedenheit bei den Bürgern? Muss man sich Sorgen machen?

Nachgeschaut

Klar, man könnte es an dieser Stelle abbrechen und sagen: Politiker sind nur auf das Füllen ihrer eigenen Taschen und dem Streicheln des Egos bedacht. Diesen Satz würde ich sogar noch so stehen lassen. Aber bei dem bild. dass die Polizei auf der einen Seite und die Demonstranten auf der anderen Seite stehen, da muss man schon hinzufügen. dass auch die Polizisten Menschen sind. Und Bürger. Als solche kann es sein, dass bei ihnen in so einer Situation die Nerven blank liegen. Allerdings kann es auch sein, dass sie sich auf Eskalation jeder Art gefreut haben. Oder sie einfach nur Ausführende sind, die die Befehle von oben befolgen. Die beiden letzten Punkte sind wiederum besorgniserregend …

Ben Folds und Nick Hornby auf einsamer Straße

Cover Ben Folds, Nick Hornby - Lonely Avenue

Bewertung: 4.5 von 5

Ein Glücksfall, wenn ein bekannter Schriftsteller, hier Nick Hornby, irgendwo auf der Welt, hier London, einen Musiker hört und sich sagt, der soll meine Texte vertonen. Und wenn dann der Musiker, hier Ben Folds in Nashville, gleich auf den Zug aufspringt, kann dabei nur eine interessante Scheibe herauskommen. Gesagt, getan. Das Projekt sollte dann doch knappe zwei Jahre dauern.

Der Brite Nick Hornby schrieb die Texte für das Gemeinschaftswerk Lonely Avenue. Teilweise, wie im Fall Claire’s Ninth, basiert der Text auf altem Material. Claire’s Ninth war dann auch die erste Kurzgeschichte, die Hornby verkaufte, die allerdings nicht publiziert wurde. Eine kleine Geschichte um ein Scheidungskind und seine Eltern.

Klarer Favorit ist das wunderschöne Picture Window, vor dem Ben Folds Angst hatte. Er wollte diesen berührenden Text nicht mit seiner Musik zerstören, was er dann auch nicht gemacht hat. Stattdessen schuf er ein Stück, bei dem regelmäßig Gänsehaut produziert wird. Eine Krankenhaus-Geschichte mit fatalem Ende.

Folds setzte neben seinem typischen Klavierspiel diesmal sehr oft auf umfangreiche Streicher-Begleitung. Im besagten Picture Window, ebenso im weiteren „Höre ich gerne“-Stück From Above. Horny erzählt die Geschichte von Seelenverwandten, die sich hunderte Mal über den Weg laufen, aber nie zusammenkommen, da sie schon vergeben sind. Eigentlich traurig, doch Ben Folds transportiert die Geschichte mit viel Schwung und Spaß.

Ben Folds, der zunächst davon ausging, ein kleines „Seitenprojekt“ ins Leben zu rufen, liefert im Ende eine ausgereifte CD ab. Der Songwriter empfand die Arbeit als sehr angenehm, wenn ihm jemand — zumal ein so talentierter Jemand — die Text-Arbeit abnimmt. In einem Interview, das auf der Deluxe Version der CD zu finden ist, gibt Folds an, beim Einspielen seiner eigenen Texte oft nur zu nuscheln, da er sich seiner Texte schäme. Diesmal standen die Leute hinter ihm und wussten genau, worum es im einzuspielenden Stück ging.

Musiker scheinen oft gefragt zu werden, wie viel Autobiografisches in den jeweiligen Stücken von ihnen stecke. Das kann Ben Folds bei Lonely Avenue nicht passieren. Die Antwort lautet bereits im Vorfeld: Kein Stück!

Und doch schafft es Hornby zumindest einen Liedertext zu verfassen, der die Vermutung naheliegen lässt: Belinda. Hierbei handelt es sich um die Geschichte eines Musikers, der irgendwann mal ein Lied über eine Liebe schrieb, damit Erfolg hatte und es nun auch nach vielen, vielen Jahren immerzu auf seinen Konzerten spielen muss. Die Fans wollen es, doch die Liebe ist längst vergangen.

Das namengebende Lonely Avenue ist ein Stück des Komponisten Doc Pomus, zu dessen Ehren das gleichnamige Stück auf der Scheibe zu finden ist.

Der Kopf geht in gemächlichem Rhythmus mit, wenn Folds Levi Johnston’s Blues singt. Das war der Bursche, der Sarah Palins Tochter schwängerte und über den auf einmal bestimmt wurde. Kopfnicken und Schmuzeln sind bei dem Stück angesagt.

Auf der Deluxe Version der CD sind neben einem Interview-Video und einem kleinen, erklärendem Booklet zwei weitere Stücke zu finden. Das oben gelobte Picture Window in einer nicht so tollen Pop-Version und der Ohrwurm Things You Think, eine Kooperation mit dem Duo Pomplamoose. Hier hört man auch Nick Hornby sprechen. Things You Think wurde vorab als Video veröffentlicht.

Absolutes Hasslied — es sollte nicht alles eitel Sonnenschein sein — ist Saskia Hamilton. Ein Stück um einen Literatur-Nerd, der sich in die Poetin Saskia Hamilton verliebt. Überaus nervig mit viel Synthesizer (Wann nimmt endlich jemand Ben dieses Teil weg?) umgesetzt.

Eine ansonsten tolle, eine schöne Scheibe. Kleine Geschichten, die teilweise zum Schmunzeln anregen, verpackt in die erneut beeindruckende Klaviermusik von Ben Folds. Auf einigen Liedern wird Folds noch von Kate Miller-Heidke unterstützt.

Hier hört man nicht rein, hier hört man zu.